Bürgerhaus Hochdahl: Abreißen, erhalten oder Ideen sammeln?
Die eine Seite weiß es genau: das Bürgerhaus muss abgerissen werden, die andere Seite weiß: Alles soll so bleiben. Bernhard Osterwind rät in diesem Kommentar: erst mal analysieren und gemeinsam nachdenken.
Nüchtern ist die Beschlussvorlage 95/2026. Empfohlen wird in der Verwaltungssprache die „Auflösung“ des Bürgerhauses, als wäre es "wasserlöslich".
Wesentliche Ursache für die Abrissempfehlung der Verwaltung sind die jährlichen Unterhaltskosten von ca. 417.000 €. Klimabewusstere Betrachter können auf das Bürgerhaus als nicht mehr zukunftsfeste CO₂-Schleuder verweisen. Hinzu kommt: Das Haus zeigt massive Mängel in der Benutzbarkeit für Menschen mit Handicap.
Genau diese „Unterhaltskosten“ oder „Folgekosten“ wurden ja auch vor dem Bau des Bürgerhauses intensiv diskutiert, wie ein Blick ins Archiv der BmU-Fraktion belegt:
Die WZ zitiert am 30.7.1976 den damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU, Bernhard Sehmisch, mit starken Worten: „Wir dürfen nicht auf die Folgekosten schauen, sondern müssen daran denken, dass Hochdahl ein Zentrum braucht, zu dem auch ein Bürgerhaus gehört. Auf dieses können wir nicht verzichten.“ Die Fraktionsvorsitzende der SPD, Irmgard Schrader, hielt Schritt: „Wir wären schlecht beraten, wenn wir jetzt Angst vor den Folgekosten hätten.“
Jetzt sollen die Folgekosten nach Ansicht der heutigen Fraktionsvorsitzenden von CDU und SPD das Ende des Hauses bedeuten.
Schauen wir uns die Fakten an:
Etwa zehn Jahre nach Planungsbeginn des Projektes „Neue Stadt Hochdahl“ reifte 1974 der Beschluss, ein Bürgerhaus zu bauen.

Fotoquelle: Stadt Erkrath April 1980 Pressemappe zur Veröffentlichung. Archiv BmU.
Geplant waren Kosten in Höhe von 8,9 Millionen DM, an Baukosten kamen dann tatsächlich noch einmal 1,8 Millionen DM dazu. Heute wird vom Bürgermeister bei einer Sanierung mit Kosten bis zu 20 Mio. € argumentiert. Die Stadt ist inzwischen hoch verschuldet und befindet sich in vorläufiger Haushaltsführung oder in der Haushaltssicherung. Ohne die Aufsichtsbehörden geht da sowieso nichts. Wenn Ersatz geschaffen wird für Bücherei, Jugendtreff, Planetarium usw., dann wird das auch nicht billig werden.
20 Millionen Investition bedeuten bei 4 % Zinssatz z.B. 800.000 €/a Zinsaufwand ohne Tilgung.
Will man die derzeitigen Unterhaltskosten von 417.000 € z. B. auf 300.000 € senken, müsste das Invest gedenfalls deutlich geringer als 7,5 Millionen liegen. Denn so hoch sind dann allein die jährlichen Zinsen. Und für dieses Geld baut heute keiner einen Ersatz für die vorhandenen Einrichtungen. Der Vorschlag der Verwaltung spart kein Geld, er belastet den Haushalt zusätzlich.
Das Bürgerhaus war selber ein Reparaturversuch der völlig misslungenen ersten 10 Jahre "Neue Stadt Hochdahl". Die ersten Bauprojekte führten ab 1967 zu massiver Kritik und Auseinandersetzungen. Hochdahl drohte zu einer „unwirtlichen Stadt“ in anonymen Vierteln zu werden, wie viele ähnliche Bauprojekte in der Bundesrepublik und in NRW. Die von Prof. Machtemes geplante „Stadt der Nachbarschaften“ funktionierte besonders in der Anfangsphase überhaupt nicht. Mangelhafter Nahverkehr, mangelhaftes Schulsystem, zu wenig (damals nannte man das so: Kiindergärten, zunächst mangelhafte Nahversorgung (oft wurden einfache Dinge aus Garagen verkauft), hohe Fernwärmekosten und lange Pendlerwege führten in nicht unerheblichem Maße zu wachsender Unzufriedenheit. Es wurde kein wirklicher „Draht“ der Neubürger zu den Altbürgern gefunden. Soziologisch kamen ganz andere Bevölkerungsschichten in das kleinbürgerliche Trills, Hochdahl sowie das dörflich geprägte Millrath. Man erkennt das Bürgerhaus als Reparaturplanung sofort an der vom Hochdahler Zentrum durch die Sedentaler Straße abgetrennte und etwas isolierte Lage. Stadtplanung aus einem Guss – das war der Anspruch für die Neue Stadt – hätte für das Bürgerhaus eine wesentlich zentralere Lage, eingebunden in den Kundenstrom am Hochdahler Markt gefunden.
Dass das Bürgerhaus als Reaktion verstanden werden konnte, zeigt die Kommentierung durch Bürgermeister Dr. Kiefer (CDU) zur Eröffnung (Erkrather Stadtanzeiger, 17.4.1980): „Natürlich ist auch die Architektur des Bürgerhauses umstritten, aber was wäre nicht umstritten? Sicherlich kann im äußeren Erscheinungsbild an manchem Kritik geübt werden … Für das Projekt im Ganzen hat sich die große Mehrheit eines Preisgerichtes eingesetzt. Ich habe mich in diesem Gremium neben anderen wichtigen Gesichtspunkten auch davon leiten lassen, eine Architektur zu verwirklichen, die in krassem Gegensatz zu dem vielfachen Einerlei und der Einfallslosigkeit der Hochbauten in Hochdahl steht.“ Wir kommen später auf diesen interessanten Beitrag zurück, denn er wird 50 Jhre später erklären, warum die Emotionen so hoch kochen.
Man sieht schon an der Wurzel der Entstehung des Hauses fundamentale Missverständnisse zwischen Bauherrn und Architektengruppe:.
Insbesondere Architekt Pohl verstand die Architektur des Bürgerhauses als „realitätsverändernd expressiv“. Also eben nicht als Reaktion auf eine gesellschaftliche Realität und deren Alltag. Diese Realität sollte Architektur überwinden helfen. Dieses „hohe Ross“ der akademischen Architektur brachte den Bau von Anfang an in Konflikt mit seinen Nutzern. Irgendwie merkten sie, dass die Planer die demokratisch gewählten gesellschaftlichen Vertreter in Politik und Vereinen in ihrem postmodernen Wurf gar nicht ernst genug nahmen, ja sogar ablehnten. Pohl später: "..obwohl die praktische Durchsetzung unseres Konzeptes der Offenheit und Vielfalt gegenüber dem kommunalpolitischen Establishment schon fast über unsere Kräfte ging..." (Pohl: Architektur in Deutschland - "Väter und Söhne" Bürgerhaus Hochdahl und andere Projekte 1981) Und die Planer meinten, ohne direkten Kontakt mit Nutzergruppen, es „besser“ zu wissen, was die Anforderungen der Zukunft bringen würden. Nicht dem aktuellen Nutzer diente diese Architektur, sondern die Nutzer sollten der Architektur als Umformung neuer ("besserer") gesellschaftlicher Wirklichkeit dienen. Das weitgehende Scheitern des Konzeptes der Durchlässigkeit zwischen gesellschaftlichen Gruppen und ihrer Nutzung wird im Bürgerhaus dann auch schmerzlich sichtbar in diesem „hässlichen“, nachträglichen Monstervorhang, der stilbrüchig die nachträgliche Trennung von Nutzergruppen strukturell sichtbar macht.
Das Konzept zeitigte zahlreiche Defizite, ja sogar Opfer. Wie bei vielen anderen ähnlichen Projekten scheiterten viele Generationen von Wirten und damit oft die wirtschaftliche Existenz ganzer Familien an dem Gaststättenbetrieb. Die Bewirtung der Halle überließ die Stadt den Veranstaltern, und da war es billiger, auf Selbstversorgung zu setzen. Und wenn dann doch mal die Gaststätte zum Feiern und mit lautstarker Musik beschallt wird? Dann ist in der Halle für einen Vortragenden für ständige störende Ablenkung gesorgt. Sogar Innenminister Hirsch hielt in einem Interview, veröffentlicht am 28.11.1977, die Integration einer "Gaststätte für essentiell und hiel ein Plädoyer für die Gaststätte im Bürgerhaus als Ersatz für die „Kneipe um die Ecke“. Nie konnte die Gaststätte im Bürgerhaus in ihrer integrativen Kraft an die „Kneipe um die Ecke“ wie im Trillser Stübchen, Jägerhaus, Kupp usw. auch nur anknüpfen. Auf der Strecke blieb der wirtschaftliche Ruin einer langen Kette von Pächtern.
Gelungen sind in den ersten Jahrzehnten alle "organisierten" Einzeleinrichtungen, die sich nicht primär zum „Marktplatz“ in der Halle, sondern nach „außen“ öffneten: AWO, Bücherei, Kindertreff, Jugendtreff und als „hybride“ Lösung die Versammlungsräume. Die nicht gebundenen "offenen" Angebote, welche die Architekten als Durchlässigkeit für alle förderten, wie Bastelräume für Hobbywerker, das Fotolabor, die vom Gaststättenbetrieb unabhängig angelegte Kegelbahnen scheiterten dann zuerst. Allen Einrichtungen ist gemeinsam, dass bei der Benutzbarkeit an Menschen mit Mobilitätseinschränkung buchstäblich nur "am Rande" gedacht wurde. Hier gerann das Gegenteil von "Durchlässigkeit" zu Architektur. Gelungen war die Funktionalität der "Markthalle", die tatsächlich sehr vielfältige Veranstaltungen wie Schützenfeste (einen Luftgewehrschießstand gab es auch), Karneval, Trödelmärkte, Rassegeflügelschau, Sportveranstaltungen (sogar ein Boxring für Meisterschaftskämpfe wurde mal aufgebaut), Kunsthandwerkermarkt, Parteiveranstaltungen - manchmal nicht weit entfernt von der Boxveranstaltung, Tanzvergnügen, Rockkonzerte, Sitzungend es Stadtrates und seiner Ausschüsse, Bürgeranhörungen usw usw... und in jüngeren Jahren wird das Haus als Notunterkunft für Flüchtlinge mancher Menschenseele als wichtige Etappe im Lebenslauf in Erinnerung sein.
„Vater des Gedankens“ eines Bürgerhauses zur Bekämpfung der Anonymität war 1974 der Geschäftsführer der EGH (Entwicklungsgesellschaft Hochdahl), Dr. Hämmerlein.
Dieser machte auf den 80%igen Investitionskostenzuschuss durch das Land NRW aufmerksam, das 1974 ein „Versuchsprogramm“ für kommunale Bürgerhäuser und Gemeinschaftszentren auflegte, und warb dafür. Hochdahl wurde eines der insgesamt neun „Versuchsobjekte“.
Im Juni 1976 hatten die Architekten Pohl und Ringleben den Architektenwettbewerb gewonnen. Trotz ernsthafter Befürworter des Entwurfs der Architekten Jacobsen und Jacobsen – ebenfalls Düsseldorf – entschied sich der Rat dann sogar einstimmig für den Entwurf von Pohl und Ringleben.
Am 19. April 1980 eröffnete das Bürgerhaus mit Freibier. Dass die Homepage der Stadt Erkrath den 1. April 1980 als Eröffnungstermin nennt – Schwamm drüber. Andere Ungenauigkeiten sind erheblicher.
Der ursprünglich ausgeschriebene „Bürgerhausleiter“, für den extra ein Büro gebaut wurde, wurde trotz zweier ernsthafter Bewerbungen nie eingestellt. Ersatzweise aber engagiert nahm später der VHS-Leiter eine ähnliche Funktioin ein.
Das Bürgerhaus gewinnt seine architektonische Stärke in der modernen Interpretation eines bergisch geprägten Marktplatzes mit umliegenden Fachwerkhäusern. Es greift die Maßstäblichkeit des Hochdahler Marktes auf, welche in den Anfangsjahren durch überdimensioniert geplante Konsumtempel bedroht war und sicher gescheitert wäre.
Minutiös wurde von Ria Garcia in erkrath.jetzt nachgezeichnet, welche gescheiterten Versuche unternommen worden sind, um das Bürgerhaus im Hinblick auf Brandschutz und Wärmedämmung in den jüngeren Jahren zu sanieren.
Was ist sinnvoll zu tun?
- Gar nichts zu tun, scheidet aus.Das Bürgerhaus ist im Hinblick auf Wärmedämmung und Brandschutz und Behindertenfreundlichkeit ein Sanierungsfall. Wer das Haus erhalten will, muss dafür eine Lösung liefern.
- Den Haushalt durch Abriss des Bürgerhauses zu sanieren, ist völlig unrealistisch. Die Alternativen zu schaffen ist sehr teuer.
- Die Funktionen des Bürgerhauses sind unverzichtbar.
- Das Bürgerhaus ist für viele Menschen heimatstiftend.
Das schreit nach einer „Denkpause“.
Zitieren wir noch mal Bürgermeister Dr. Kiefer 1980: "..eine Architektur zu verwirklichen, die in krassem Gegensatz zu dem vielfachen Einerlei und der Einfallslosigkeit der Hochbauten in Hochdahl steht.“
Wir stellen fest: Das ist - bei aller berechtigten Kritik an anderer Stelle - glatt gelungen. Aus diesem Alleinstellungsmerkmalen des Bürgerhauses und seiner Sichtbarkeit an der Sedentaler Straße ist es zu einer "Landmarke" für den Hochdahler als Heimat geworden.
Also: Es müssen aus dem Dilemma neue Ideen geboren werden.
Insbesondere unter Beteiligung von Nutzergruppen und der interessierten Zivilgesellschaft ist ein Konzept unter ständiger Beobachtung der Förderlandschaft zu entwickeln.
Offener Dialog ist der einzige Weg, der auch dem Anspruch des Bürgerhauses, Durchlässigkeit und Transparenz zu fördern, gut zu Gesicht steht.
Meint: Bernhard Osterwind